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Presse | „Good luck“ für US-Piloten

Kölnische Rundschau vom 27.04.2000, Nummer 98
von Alexander Schäfer

Captain suchte nach dem Ort, an dem seine Maschine im Zweiten Weltkrieg abstürzte

Blankenheim

„Ich weiß nicht mehr wie, aber irgendwie kam ich raus.“ Der damals 22-jährige Joe Boylan verließ in 10 000 Fuß Höhe als letztes Besatzungsmitglied den brennenden Bomber B-26 vom Typ „Marauder“ durch die Bugradklappe. Es war, neben dem Bombenschacht, der einzige Fluchtweg für die siebenköpfige Crew gewesen, da das Flugzeug nach mehreren Treffern deutscher Jäger im hinteren Teil schon brannte.

Neben Captain Boylans Maschine verlor die 391. Bomb Group der 9. US-Air-Force am Vormittag des 23. Dezembers 1944 insgesamt 15 weitere Bomber im Luftraum zwischen Wittlich und Schmidtheim. Die „Mission Ahrweiler“ ging als ein schwarzer Tag in die US-Kriegsgeschichte ein.

Heute ist Boylan 78 Jahre alt und abgesehen von einer verminderten Hörfähigkeit erfreut sich der rüstige Rentner aus dem Bundesstaat North Carolina bester Gesundheit. Dass er überhaupt noch lebt, grenzt an ein Wunder. Nach Verlassen des Flugzeuges geriet der Captain noch mehrmals in Lebensgefahr. Am vergangenen Wochenende suchte der Amerikaner jene Orte auf, an denen er fast sein Leben verlor.

Während an den Ostertagen viele Kinder auf der Suche nach bunten Eiern waren, suchten Captain Joe Boylan, der englische Historiker Robert Mynn und Axel Paul aus Oberschömbach in Eifeler Wäldern nach Spuren dieses Luftkampfes. Paul kennt sich als Revierförster nicht nur gut im Wald aus, sondern ist als langjähriges Mitglied des zehnköpfigen Arbeitskreises Luftkriegsgeschichte auch Experte in Sachen Flugzeuge. „An den Absturzstellen findet man heute noch kleine Blechteile, Reste von Gummischläuchen oder Fetzen vom Fallschirm“, erläuterte der Hobby-Historiker. Es war nicht das erste Mal, dass der Arbeitskreis ehemalige US-Piloten nach Deutschland einlud.

Am Freitagabend stieß Pauls Arbeitskreiskollege Frank Güth aus Olef im Hotel Kölner Hof in Blankenheim zum Trio hinzu, um sich Boylans Geschichte anzuhören.

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Den Verlauf der Frontlinien am 25. Dezember 1944 nahmen (vl.) Frank Güth von der Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte der englische Historiker Robert Mynn, der abgeschossene US-Pilot Joe Boylan und Axel Paul von der AG in Augenschein.

Der Auftrag der im französischen Roye Amy stationierten Bombereinheit war die Zerstörung der Eisenbahnbrücken bei Ahrweiler, um den deutschen Nachschub zu unterbrechen. Mit 1800 kg Bombenlast und bewaffnet mit bis zu zwölf Maschinengewehren stellten die B26 „Marauder“ gefährliche Gegner für die deutschen Stellungen dar, doch am Tag vor Heiligabend waren die insgesamt 31 US-Flugzeuge gegen eine Übermacht von 60 plötzlich auftauchenden deutschen Flugzeugen chancenlos.

Boylan gab nach einem schweren Treffer den Befehl zum Absprung. Als er am Fallschirm langsam zu Boden sank, umkreiste ihn eine deutsche Messerschmitt, doch sie schoss nicht auf ihn. Am Boden eröffnete jedoch deutsche Infanterie das Feuer auf den Piloten, der aber nicht getroffen wurde. Seine Wunde am Bein und die Brandverletzungen im Gesicht stammten aus dem Luft kampf. „Ich fühlte keine Schmerzen“, gestand Boylan unter Schock.

Deutscher Soldat half dem Abgestürzten

Er lief zu einer Straße, an der ein deutscher Hauptfeldwebel sein Motorrad reparierte. Dieser befahl dem US-Piloten sich in den Beiwagen zu setzen, brachte ihn aber nicht sofort in das Militärgefängnis von Bitburg, sondern steuerte zunächst einen Arzt an, der ihm eine Salbe für die Gesichtsverletzungen seines Gefangenen gab. „Während der Fahrt stülpte er mir eine Plane über das Gesicht wegen der Verbrennungen und wegen des eiskalten Fahrtwinds“, verhielt sich der Feind aus Sicht des Amerikaners überraschend menschlich. Als sich die beiden auf der Dienststelle des provisorischen Gefängnis trennten, habe ihm der Deutsche noch „Good luck“ gewünscht.

Glück hatte Boylan dann tatsächlich. Er überlebte am Morgen des 24. Dezembers einen Bombenangriff seiner Landsleute auf just jenes Gebäude, in dem er untergebracht war. Allerdings brach er sich das linke Bein und da ein deutscher Arzt „keine tödliche Verletzung“ diagnostizierte und ihn unversorgt entließ, musste der US-Soldat das Bein mit den Holztrümmern einer Baracke schienen.

Mit Stacheldraht errichteten die Deutschen in Wittlich ein neues provisorisches Gefängnis für rund 300 Amerikaner. Boylan war der ranghöchste Soldat unter ihnen und wurde in einen Ausbruchsplan eingeweiht. Als er aber von den Deutschen erfuhr, dass diese Wind davon bekommen hatten und für jeden Geflüchteten zehn andere erschießen würden, stoppte Boylan das Unternehmen.

Eigene Bomber nahmen ihn unter Beschuss

In Lebensgefahr geriet er dann noch einmal auf dem Fußmarsch ins 30 Kilometer entfernte Koblenz. Auf einem Flugfeld der deutschen Armee nahmen amerikanische Bomber ihn und seine Gruppe unter Beschuss. Er überlebte. Mit dem Zug ging es später von Koblenz nach Frankfurt und von dort brachte ihn die Gestapo nach Barth an der pommerischen Küste, wo ihn im Mai 1945 die russische Armee befreite.

Zu dem Treffen in Blankenheim brachte Axel Paul eine Kopie aus dem, Kriegstagebuch der deutschen Wehrmacht mit, das den Verlauf der Frontlinie am 25. Dezember 1944 zeigt. Der US-Pilot hatte nach dem Abschuss der Maschine keine Chance zur Flucht. Paul: „Er ging rund 40 Kilometer entfernt von den eigenen Truppen in einem Gebiet herunter, das voller deutscher Soldaten war.“

Dieses und andere Schicksale abgeschossener Piloten will der Arbeitskreis im nächsten Jahr in einem eigenen Buch veröffentlichen: „Unsere Arbeit ist auch ein Stück Wiedergutmachung.“

Diesen Plan benutzte die deutsche Luftwaffe, um Schwachstellen am amerikanischen Kampf- und Torpedoflugzeug Martin B-26 Marauder aufzuzeigen. Dorthin, wo die Verkleidung oder das Panzerglas nicht die nötige Dicke hatte, sollten die deutschen Jäger zielen.



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