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Presse | Aus dem Fallschirm-Gurtzeug gefallen

von Franz Albert Heinen

Arbeitsgemeinschaft recherchierte ein weiteres Luftkriegs-Schicksal

Schleiden - 56 Jahre nach dem Absturz eines amerikanischen Bombers bei Schleiden-Scheuren ist es der „Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte“ gelungen ein überlebendes Besatzungsmitglied zu interviewen, und nicht nur das:

Die Luftkriegsforscher fanden auch noch einen ehemaligen Fronthelfer, der am 28. Oktober 1944 den US-Bomber mit seinem Drillingsgeschütz vom Himmel schoss.

Damit kann die Arbeitsgemein­schaft einen weiteren Absturz in der Eifel als aufgeklärt ins Archiv legen. Zur Aufklärung hatte auch ein Bericht im Kölner Stadt-Anzeiger am 7. April 2000 beigetragen (siehe „Trauriger Sack bei Scheuren abgestürzt“).

Inzwischen ermittelte die Arbeitsgemeinschaft den Troisdorfer Richard E. als den Schützen, der den zwei motorigen Bomber vom Typ „Boston" abgeschossen hatte. Der damals 16-Jährige gehörte zu einer sogenannten „Fronthelfer-Einheit“, die auf dem Gelände der Nazi-Schulungsstätte „Ordensburg Vogelsang“ stationiert war. Die Jugendlichen bedienten Drillings-Flak-Geschütze vom Kaliber zwei Zentimeter.

Die Geschütze waren auf Lastwagen montiert die aus Gründen des Splitterschutzes teilweise eingegraben waren, Ursprünglich waren diese Geschütze zum Einbau in U-Booten vorgesehen gewesen.



Am Nachmittag des 28. Oktober 1944 bemerkten die jungen Flak-Helfer im Nordwesten rege Fliegertätigkeit. Gegen 15:30 Uhr überflog ein amerikanischer Bomberverband die deutsche Luftabwehr bei Vogelsang in etwa 800 Metern Höhe.
Richard E.: „Als Geschützführer eröffnete ich das Feuer. Schon nach dem ersten Feuerstoß vor nur sechs Granaten zog die zweit Maschine eine schwarze Rauchfahne hinter sich her. Der Bomber stürzte dann steil ab und schlug am Scheurener Berg auf.“ Die Flak-Mannschaft, konnten zwei Fallschirme erkennen.



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Solche Wrackteile können heute noch
an der Stelle gefunden werden (Scheuren/Schleiden)



Wrackteile, die die Arbeitsgemeinschaft bei Scheuren bergen konnte, belegen dass es sich tatsächlich um einen Boston-Bomber handelte. Allerdings verwechselte, der Bergungstrupp diese damals noch wenig bekannte Maschine. In den deutschen Unterlagen wird das Flugzeug fälschlich als „P-38 Lightning“ bezeichnet.

Dramatischer Absturz

Als „Glücksfall“ der besonderen Art bezeichnete es Axel Paul von der Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte, dass man Kontakt zum einzigen Überlebenden des Absturzes in den USA herstellen konnte.

John Deuitch erinnerte sich ebenso präzise an den dramatischen Absturz wie der deutsche Flak-Schütze Richard E.

Deuitch bediente damals einen Geschützturm auf dem Rumpfrücken des Bombers. Ein weiteres Geschütz bediente der Sergeant Craig Pilot war Lieutenant Braisted. Der Bomber-Verband mit insgesamt 31 Maschinen war von, französischen Einsatzflughafen Coulommiers gestartet, um die Eisenbahnbrücken bei Ahrweiler zu zerstören. Die Bomber folgten zwei,so genannte „Pfadfinder“ vom Typ „Marauder“, die das unter einer dichten Wolkendecke liegende Zielgebiet markieren sollten. Allerdings gab es Radar-Probleme. Die Bomben fielen weit neben das eigentliche Ziel.

Als sich kurz darauf die Wolken auflösten geriet der Verband in schweres Flak-Feuer. Einer der Squadron-Kommandeure, Colonel Parrett, wurde getroffen und stürzte ab. Er schaffte es jedoch noch, die Maschine bis über die Front zu retten, wo er dann in bereits amerikanisch besetzten Gebiet notlandete. Deuitchs Maschine erhielt ebenfalls Treffer und kippte ab. Sergeant Craig sprang zwar mit dem Fallschirm aus der qualmenden Boston ab, aber beim Entfaltungsstoß seines britischen Fallschirms rutschte er aus den Gurten und fiel in den Tod. Dass der Pilot die abstürzende Maschine nicht mehr verlassen konnte, erfuhr Deuitch erst viel später.

Abwärts in die Fichten

Er selbst landete bei Schleiden am Fallschirm hatte wegen hoher Fichten aber zunächst Mühe, zum Erdboden zu gelangen. Dummerweise ließ Deuitch seine schweren Fliegerstiefel zurück. Die Nächte waren damals eisig kalt, als er versuchte, sich ohne Schuhwerk bis hinter die Frontlinie durchzuschlagen. Drei Tage lang wandelte der Sergeant in Richtung Westen durch Wälder, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Er orientierte sich mit Hilfe seines Kompasses den er, neben Schoko-Riegeln und Wasseraufbereitungs-Tabletten, im Not­vorrat fand.

Deuitch erinnerte sich daran, dass er an einem Feuerwachturm ein Stück Kuchenrinde fand, die er gierig verschlang. Acht Tage nach dem Absturz lief er einer deutschen Panzereinheit in die Arme. Als Kriegsgefangener kam er zunächst nach Düren, später nach Köln. „Diese Stadt hatte wirklich schwer unter den Bombenangriffen gelitten“, erinnerte sich Deuitch 56 Jahre später. Schließlich landete er im Stalag IV an der polnischen Grenze. Als die Front näher rückte, marschierten die Gefangenen noch 51 Tage lang 600 Kilometer weit bis nach Bitterfeld, wo sie schließlich ihre Wachmannschaften entwaffneten. Am 26. April 1945 befreite die 104. US-Infantene-Division, die Gefangen endgültig, und damit war auch für Sergeant Deuitch der Krieg endgültig vorüber.



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